Neusiedler See: Den Wasserstand durch Abwässer heben?

Das Abwasser der nördlichen See-Gemeinden wird in die Leitha abgeführt. Warum eigentlich nicht in den Neusiedler See?

Jeden Tropfen Wasser in der Region halten. Diese Maxime sollte eigentlich für das gesamte System des Neusiedler Sees gelten, also auch für die Abwässer, die in den Seegemeinden entstehen. Schon heute wird der Neusiedler See zu einem Teil auch durch Brauchwasser aus Kläranlagen gespeist – etwa über die Wulka. Die Frage ist, warum Abwasser aus den nördlichen Gemeinden nicht ebenfalls in den See geleitet werden. Aktuell wird das Brauchwasser von Neusiedl am See, Weiden und den umliegenden Gemeinden vom Abwasserverband Bruck an der Leitha/Neusiedl am See (AVBN) gereinigt und danach in die Leitha abgeführt. Wasser, das man eigentlich im regionalen Kreislauf halten könnte, geht damit über die Donau ins Schwarze Meer verloren. Wir haben nachgefragt: Wäre es technisch machbar, auch diese Abwässer in den See zu leiten und welche Kosten wären damit verbunden?

Beimischung von Grundwasser wäre nötig

In der Region gibt es mehrere Abwasserverbände. Der „Reinhaltungsverband Region Neusiedler See – Westufer“ in Schützen umfasst neun Gemeinden. Deren Abwässer werden über die Wulka in den Neusiedler See geleitet. Möglich ist das auch deshalb, weil die Wulka genügend Wasser führt, um Klärwasser zuzuleiten. Der mittlere Wassereintrag der Wulka in den Neusiedler See liegt bei etwa 1,2 Kubikmeter pro Sekunde. Bei Niederwasser ist der Anteil des Abwassers sogar ein ganz erheblicher Teil.

Im Fall der nördlichen See-Gemeinden wie Neusiedl und Weiden, die an den Abwasserverband Bruck/Neusiedl (AVBN) angeschlossen sind, gibt es keinen Fluss, der in den See mündet. Deshalb müssten für eine Einleitung eine Kanalverbindung gebaut und bestehende Bäche einbezogen werden, erklärt Christian Sailer von der Taskforce Neusiedler See – Seewinkel. Projekte wie diese seien grundsätzlich kostenintensiv und technisch aufwändig.

Der Parndorfer Bach als Kanal

Eine Möglichkeit wäre, Abwasser eine Teilstrecke über den Parndorfer Bach zu leiten. Dieser Bach durchfließt zwar einen beeindruckenden Graben, erweist sich den Großteil des Jahres aber als dünnes Bächlein – und fällt zeitweise trocken. Die Menge von 220 Liter pro Sekunde, die derzeit vom Abwasserverband in die Leitha gehen, würde die Kapazitäten des Parndorfer Baches jedenfalls deutlich übersteigen. Das wäre ein krasses Missverhältnis zwischen der Wassermenge des Baches und dem zugeführten Abwasser.

Der Gewässerökologe Georg Wolfram gibt zu Bedenken, ob das Abwasser überhaupt unverdünnt in einen Vorfluter (Zubringer) des Neusiedler Sees eingeleitet werden darf. Das wäre in einem Verfahren zu prüfen. Auch für den Parndorfer Bach, der ein Einzugsgebiet von rund 20 Quadratkilometer hat, gilt es, einen guten ökologischen Zustand zu erreichen. Dieser wird derzeit aufgrund von hydromorphologischen Belastungen als mäßig eingestuft. Eine Einleitung von Abwasser würde, so Wolfram, eine deutliche stoffliche Veränderung bewirken. Deshalb wäre in mehreren Verfahren zu prüfen, ob die vorgegebenen Richtwerte einzuhalten sind. Eine Zufuhr von Fremdwasser, um ein günstigeres Verhältnis von Frisch- und Abwasser zu erreichen, wäre laut Wolfram problematisch. Abgesehen müsste das entweder durch Grundwasser erfolgen, das in der Region ohnehin knapp ist. – Oder durch Donauwasser, auch das ist keine kostengünstige Variante.

Parndorfer Bach: gut ausgebaut, führt aber nur wenig Wasser. © by Gunnar Landsgesell

Wieviel Wasser würde der See gewinnen?

Was aber würde die Zuleitung der Klärwässer dem See überhaupt bringen? Das Verhältnis von Kosten und Nutzen für ein aufwändiges Projekt wie dieses ist keine unwesentliche Frage. In der Kläranlage Bruck/Neusiedl, wohin seit rund 20 Jahren aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch in Hinblick auf die Gewässergüte das Abwasser der nördlichen Seegemeinden in die Verbandskläranlage Bruck/Neusiedl geleitet wird, werden jährlich rund zehn Millionen Kubikmeter Wasser gereinigt. Die Tendenz ist (trotz der Niederschläge 2023) aufgrund der Trockenphasen der vergangenen Jahre fallend.

Umgerechnet bedeutet das, dass maximal 25.000 Kubikmeter Wasser pro Tag und damit knapp 0,3 Kubikmeter pro Sekunde für eine Einleitung zur Verfügung stünden. Das würde knapp einem Drittel der diskutierten Dotationsmenge von rund einem Kubikmeter pro Sekunde (aus Donauwasser) entsprechen.

Bei einer aktuellen Offenwasserfläche des Neusiedler Sees von rund 150 Quadratkilometer würde das eine Erhöhung des Wasserspiegels um rund einen Millimeter pro Woche bringen.

Hydrologen sehen im Vergleich zur täglichen Verdunstung im Sommer zwar ein verhältnismäßig geringen Beitrag. An einem heißen Sommertag wäre der eine Millimeter Wasser in zwei Stunden verdunstet. Im Verbund mit anderen Maßnahmen könnte das dennoch zu einer Entlastung der Situation des Sees beitragen, die sich durch steigende Temperaturen und damit höhere Verdunstung nicht entspannen wird.

Bliebe noch die Frage der Kosten, die der Bau eines Kanals zum See verursacht. Einer Einschätzung zufolge wäre der finanzielle Aufwand beträchtlich, insbesondere im Verhältnis zum vergleichsweise geringen Output dieser Variante. Für den Bau des Kanals müssten entlang der Strecke Grundstücke angekauft werden, Erfahrungswerte legen eine Summe im zweistelligen Millionenbereich nahe. Für die Pumpleistung würden zusätzliche Aufwendungen in Millionenhöhe Euro anfallen.

Unabhängig davon ist auf EU-Ebene möglicherweise mit strengeren gesetzlichen Grenzwerten bei der Wasserqualität zu rechnen. Das würde eine vierte Reinigungsstufe in der Kläranlage notwendig machen. Ein Fragezeichen bleibt schließlich bei Schadstoffen wie Schwermetalle, Pharmazeutika, Weichmacher und anderen Spurenstoffen, die in den abflusslosen See eingetragen würden.

Parndorfer Bach nördlich von Neusiedl am See. © by Gunnar Landsgesell

Wasserqualität als wichtiges Kriterium

Denn grundsätzlich gilt: Um den gesetzlichen Kriterien der Wasserqualität zu entsprechen, werden Abwässer in Flüsse eingeleitet, da diese über eine größere Reinigungskraft als Stillgewässer verfügen. Dadurch soll verhindert werden, dass darin lebende Organismen durch Nährstoffe und andere Einträge, die nicht in der Kläranlage abgebaut werden konnten, übermäßig belastet werden.

Im Fall des Neusiedler Sees ist die Wasserqualität besonders relevant, weil es sich nicht nur um ein Badegewässer handelt, sondern auch um ein ökologisch sensibles Gewässer mit Nationalpark-Status.

Deshalb melden auch Gewässerökologen wie Georg Wolfram Bedenken an: Es wäre zu prüfen, wie sich Fremdorganismen und auch der zusätzliche Eintrag von Nährstoffen auf das Ökosystem auswirkt. Ein unerwünschter Nebeneffekt könnte sein, dass der Schilfgürtel „gedüngt“ und die Schlammproduktion angekurbelt würde. Aber bei Schilf und Schlamm ist man schon wieder bei zwei anderen großen Herausforderungen für den See.

Resümee, den Parndorfer Bach betreffend: Er wäre, so ehrlich muss man sein, bei einer Zuleitung letztlich nur das Gerinne in Richtung See. Alternativ wäre der Bau einer eigenen Leitung zu prüfen – und damit möglicherweise bessere Voraussetzungen, um die Klärwässer aus dem Norden im System des Sees zu halten.

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