„Wir sind Teil der Lösung“

Die renommierte Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb plädiert dafür, angesichts der Klimaerwärmung nicht die Augen zu verschließen, sondern zu handeln.

Sie schreiben in Ihrem jüngsten Buch „Für Pessimismus ist es zu spät. Wir sind Teil der Lösung“, dass es grundsätzlich drei Möglichkeiten gibt, die Klimakrise zu meistern. Die erste, die vernünftigste, sei es, deren Ursache auszuschalten, also die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Wie „vernünftig“ sind wir denn in Österreich und in Europa?

In Österreich funktioniert das in einigen Bereichen ganz gut, es gibt erstaunliche Einzelbeispiele, sowohl bei Gemeinden als auch bei Unternehmen, die im Bereich der Reduktion etwas bewegen. Auf der Bundesebene sieht es weniger gut aus. Dennoch ist in dieser Legislaturperiode mehr weiter gegangen als in den 30 Jahren zuvor. Allerdings bei weitem nicht soviel, wie im Regierungsprogramm steht. Und selbst das wäre nicht genug gewesen, um den Beitrag Österreichs zu den Pariser Klimazielen zu leisten. Wir sind also säumig. Dennoch: Vor einigen Monaten war ich bei einer Veranstaltung zum Thema Gesundheit und Klima eingeladen, da war viel Motivation zu spüren, eine gute Stimmung. Aber noch ist es nicht so, dass man das Gefühl hat, dass man von einer großen Welle getragen wird. Wir müssen aktiv weiterarbeiten.

In Europa sind die Maßnahmen in den Ländern und Sektoren sehr unterschiedlich. Es gibt kein Land, das alles richtig macht – es gibt kein Musterland. Aber es gibt viele Länder, die in bestimmten Bereichen innovativ und auch sehr weit sind.

Denken Sie an die Mobilitätskonzepte in den Städten Dänemarks oder zum Teil auch in den Niederlanden; auch Paris entwickelt sich insgesamt auf beeindruckende Weise. Schweden hat schon vor längerem eine progressive sozialökologische Steuer eingeführt, die jetzt deutlich über der österreichischen liegt, ohne dass die Wirtschaft eingebrochen ist. Aber auch in der Wirtschaft gibt es auf internationaler Ebene viele positive Impulse.

Sie sagen, Klimapolitik ist auch Umverteilungspolitik. Würden Sie die sozialökologische Steuer, die Sie ansprechen, als Beispiel dafür nennen? In der Öffentlichkeit wird das anders wahrgenommen.

Die sozialökologische Steuer wird als besondere Belastung für Niedrigeinkommen verstanden, das ist sie aber nicht. Im Gegenteil, sie ist einer der wenigen klaren Umverteilungsmechanismen, die in Österreich in den vergangenen Jahren eingeführt wurden. Und zwar vom Prinzip her: Es wird eine Ressource besteuert, die von Wohlhabenden stärker beansprucht wird als von Einkommensschwächeren, und das eingenommene Geld wird gleichmäßig auf alle verteilt. Das heißt, es fließt Geld von oben nach unten. Ich weiß, dass es vielfach ein pauschales Bashing von Steuern gibt, zu unrecht. Steuern ermöglichen dem Staat steuernd einzugreifen. Natürlich muss man sich genau ansehen, was mit Steuergeld passiert. Welcher Teil der Steuern wird sinnvoll verwendet, welcher fraglich oder gar missbräuchlich eingesetzt. Transparentere Politik und bessere Kontrolle würden sicherlich auch staatsbürgerliches Denken fördern.

Sie haben die Reduktion von Emissionen erwähnt. Welche anderen beiden Wege gibt es, auf die Klimakrise zu reagieren?

Es wird jedenfalls notwendig sein, Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel zu treffen. Das kann von der klimagerechten Gestaltung von Gebäuden über den Wechsel vom Weißwein- zum Rotweinanbau bis zum Hochwasserschutz und der Absiedelung von Menschen führen. Solche Adaptationen sind aber nur bei geringfügigen Veränderungen möglich, es gibt Grenzen der Anpassung. Anpassung ist also eigentlich nur eine ergänzende Maßnahme. Die dritte Möglichkeit ist, mithilfe der Technik in das Klimasystem einzugreifen, etwa durch Eingriffe in den Strahlungshaushalt oder das Entfernen von Kohlendioxid aus der Luft oder Abluft und dessen „sichere“ Speicherung. Solche Methoden sind grundsätzlich aufwändig, teuer und kaum erprobt, und sie haben weitere gravierende Nachteile. – Etwa wenn die Maßnahme ausgesetzt werden muss.

Wie beurteilen Sie die Bemühungen in Österreich? In welchen Bereichen sehen Sie tatsächlich Bewegung?

Dass eine Großstadt wie Wien sich ernsthaft vornimmt, innerhalb relativ kurzer Zeit aus Gas auszusteigen, ist beachtlich. Zusätzlich zum normalen Budget versucht man ein CO2-Accounting einzuführen. Das hat Auswirkungen. Nur ein Beispiel: Wenn die Straßenabteilung weiß, dass sie nur eine bestimmte Menge an CO2-Emissionen verursachen darf, können nicht mehr beliebig viele Straßen gebaut werden. Klimaticket, Verlagerung von Geschwindigkeitsregelungen auf die lokale Ebene, Förderung von Erneuerbaren, Leerstandsregelung – das sind alles Schritte in die richtige Richtung.

Auch das Bewusstsein hinsichtlich der Bodenversiegelung ist in Österreich gestiegen. Heute zögert zwar noch nicht jeder Bürgermeister, bevor Land umgewidmet wird – nach dem Motto, auf meine paar Quadratmeter kommt es nicht an – aber ich glaube auch in diesem Bereich werden wir in nächster Zeit Fortschritte erzielen. Insgesamt gilt es, den Zeitplan, der auf EU-Ebene festgelegt wurde, einzuhalten. Bis 2050 soll ja auf EU-Ebene Klimaneutralität erreicht werden.

Sind die EU-Ziele, bis 2050 klimaneutral zu werden, realistisch?

Die Ziele sind am oberen Rand dessen festgelegt, was ethisch vertretbar ist. Industrienationen wie Österreich müssten sich eigentlich vornehmen, bis 2040 klimaneutral zu sein und bis 2030 deutlich über 50 Prozent bei den Einsparungen zu liegen. Aber, immerhin ist es schön, dass die EU konkrete Vorgaben festgelegt hat. Zur Einhaltung dieser Ziele gibt es aber viel zu tun: Die Frage ist: Versucht man innerhalb des Systems die Dinge zu lösen? In dieser Hinsicht wurde schon viel auf den Weg gebracht. Oder ist es unvermeidlich, auch das System in Frage zu stellen? Wir brauchen z.B. eine Neudefinition der „Freiheiten“ in der EU. Abkommen wie Mercosur, CETA oder die Energie-Charta müssen auf Augenhöhe mit anderen Ländern und zum Wohle aller geführt werden, und sie dürfen nicht dazu dienen, Produktionen zu steigern, die wir uns nicht mehr leisten können.

„Es gibt in einigen Bereichen Fortschritte, etwa beim Versuch, ein CO2-Accounting einzuführen. Solche Maßnahmen haben konkrete Auswirkungen.“ © by Molden Verlag/Mavric

In Ihrem Buch kritisieren Sie, dass die Diskussion über Reduktionsziele zu kurz kommt. Auch im Zusammenhang mit Energie sind die Prognosen eindeutig. Werden Ansätze, Sparpotenziale zu suchen, in der öffentlichen Diskussion vermieden, weil das mit Verzicht und Rückschritt gleichgesetzt wird?

Es ist ganz wichtig zu verstehen, dass wir keineswegs auf alle Neuerungen der letzten Jahrzehnte verzichten müssen. Es geht nicht primär um Verzicht, sondern um Gewohnheitsänderungen. Ich habe im Jahr 1965 mit dem halben Energieverbrauch im Vergleich zu heute ein sehr gutes Leben geführt. Natürlich werden wir nicht wieder ein „Vierteltelefon“, der damalige Standard, einführen.

Es gilt zu überlegen, was für ein gutes Leben notwendig ist. Darüber ist ein gesellschaftlicher Diskurs unerlässlich.

Wir müssen uns bewusst zu machen, wo wir verschwenden und wo wir im Überfluss leben, der auf Kosten anderer Menschen geht oder auf Kosten künftiger Generationen und sogar auf Kosten der eigenen Kinder.

Wie beurteilen Sie die Ergebnisse der UN-Klimakonferenzen? Hier formulieren die Staaten für sich selbst Aufgaben, deren Verfehlen aber ohne Sanktionen bleibt. Die Emissionen steigen trotz der großen globalen Ziele. Ist hier nicht auch die Zivilgesellschaft gefragt?

Die Klimakonferenzen sind dann erfolgreich, wenn die Beschlüsse tatsächlich auf nationaler Ebene umgesetzt werden. Der wichtigste Hebel der Zivilgesellschaft ist sicherlich, Druck auf die Politik zu erzeugen, endlich die Hausaufgaben zu machen; die Politik zu erinnern, dass sie nicht nur Partikularinteressen vertritt, sondern das Gemeinsame – das Wohl des Landes. „Fridays for Future“ war sehr erfolgreich darin. Hätte es Corona nicht gegeben, dann wären wir vermutlich mit dem Klimaschutz deutlich weiter.

Was bedeutet die Klimaerwärmung für eine Region wie das Nordburgenland, wo nun jährlich über eine mögliche Austrocknung des Neusiedler Sees diskutiert wird. Sie waren vor einigen Jahren an einer Studie beteiligt, in der auch Zukunftszenarien über den Neusiedler See in immer wärmeren – und möglicherweise trockeneren Jahren – errechnet wurden. Wie kann der Tourismus auf solche Entwicklungen reagieren?

Die Region ist ein gutes Beispiel. Es sind die trockenen Jahre und der gesunkene Wasserstand im Neusiedler See, die zu einer Diskussion und vielleicht zu einem Umdenken führen, nicht warnende Studien.

Es ist erfreulich, dass man jetzt nicht nur über eine Zuleitung von Wasser nachdenkt, sondern auch fragt, was zu dieser Entwicklung sonst noch beiträgt. 

Denn die menschgemachten klimatischen Veränderungen werden häufig dort besonders sichtbar und spürbar, wo die natürlichen Systeme auch durch andere anthropogene Eingriffe gestört worden sind.  Dass der Neusiedler See ein Steppensee ist, und ganz natürlichen Schwankungen unterliegt, sollte dabei auch nicht übersehen werden.

Wie sollte die Region auf diese klimatischen Veränderungen darauf reagieren?

Es gilt zu klären, wie die Zukunft der Region im Klimawandel insgesamt aussehen soll. Es gilt visionär in die Zukunft zu schauen, Wunschvorstellungen zu entwickeln und sie dann umzusetzen. Dabei sollten drei Fragen im Vordergrund stehen: Erstens: Was ist uns wirklich wichtig? Was wollen wir beibehalten? Zweitens: Was lassen wir los, um eine gute Zukunft innerhalb der ökologischen Grenzen zu ermöglichen? Drittens: Was haben wir schon einmal gekonnt, das jetzt nützlich wäre? Was können wir von anderen Kulturen übernehmen? Wenn diese Fragen beantwortet sind, wird klar sein, ob etwa Tourismus in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird, und wenn ja, auch welche Rolle und welche Art von Tourismus. In Zeiten des Umbruchs ist der Mut zu Veränderung eine wesentliche Voraussetzung für eine gute und nachhaltige Entwicklung.

Zur Person: Helga Kromp-Kolb ist emeritierte Universitätsprofessorin für Meteorologie und Klimatologie an der Universität für Bodenkultur, Wien, wo sie auch das Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit gründete und leitete. Als Universitätslehrerin und Forscherin befasst sie sich mit Fragen der Schadstoffausbreitung in der Atmosphäre, des Klimawandels, der nachhaltigen Entwicklung, der Transformation der Gesellschaft, der Bildung für nachhaltige Entwicklung und dem notwendigen Paradigmenwechsel in Wissenschaft und Gesellschaft. Sie war maßgeblich an der Gründung des Climate Change Centers Austria (CCCA) sowie der Allianz Nachhaltige Universitäten in Österreich beteiligt und ist Mitglied des Lenkungsausschusses des universitätsübergreifenden Projektes UniNEtZ.

Helga Kromp-Kolb: Für Pessimismus ist es zu spät. Wir sind Teil der Lösung. Erschienen im Molden Verlag /Verlagsgruppe Styria, 2023.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert